Chiara Lubich: Geschwisterlichkeit


Wir haben heute bereits verschiedene, wertvolle Beiträge zum Aufbau des geeinten Europas gehört, genauer gesagt, zum Europa des Geistes, zu einem Europa, das im Geist und durch den Geist geeint ist.

Gestatten Sie mir nun, dass ich noch einen weiteren Beitrag hinzufüge. Er scheint mir wichtig, denn er könnte ein Sprungbrett für den Fortschritt unseres Kontinents sein. Ich möchte über die Geschwisterlichkeit, die weltweite Geschwisterlichkeit sprechen.

Die Sehnsucht, sie zu verwirklichen ist tief im Menschen verankert und kommt bei großen Gestalten der Geschichte immer wieder zum Ausdruck. Martin Luther King sagte: "Ich träume davon, dass den Menschen (...) eines Tages bewusst wird, dass sie geschaffen sind, um wie Geschwister miteinander zu leben (...); dass die Geschwisterlichkeit (...) für den Geschäftsmann zur Tagesordnung gehört und für den Politiker zum Leitmotiv wird."
Und Mahatma Gandhi betonte: "Ich sehe meinen Auftrag nicht nur darin, für die Geschwisterlichkeit unter den Menschen in Indien einzutreten. Ich hoffe, dass ich einen Beitrag zur Geschwisterlichkeit unter allen Menschen leiste, indem ich für die Freiheit Indiens kämpfe. "

Verwirklichung der Geschwisterlichkeit war auch das Ziel von Menschen ohne religiöse Motivation, die aber der Menschheit Gutes tun wollten.

Die zentrale Bedeutung der Geschwisterlichkeit bestätigt z.B. auch jenes wichtige historische Ereignis, das den Anbruch einer neuen Epoche kennzeichnet: die Französische Revolution. Ihr Motto "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit" fasst das große politische Programm der Moderne zusammen, das allerdings zum Teil unbeachtet blieb. Zahlreiche Länder haben es zwar geschafft, demokratische Regierungen aufzubauen und wenigstens teilweise Freiheit und Gleichheit zu sichern; die Geschwisterlichkeit hingegen wurde mehr verkündet als gelebt.


Doch wer vor allen anderen die Geschwisterlichkeit aller Menschen verkündet hat und uns die Möglichkeit gibt, sie zu verwirklichen, ist Jesus. Er hat uns Gott als Vater geoffenbart und damit die Mauern eingerissen, die die "Gleichen" von den "Anderen", die Freunde von den Feinden trennen. Er hat jeden Menschen aus den Banden befreit, die ihn gefangen halten: aus den unzähligen Formen der Abhängigkeit und Sklaverei, aus jeder ungerechten Beziehung. Er hat damit eine Revolution ausgelöst, die das kulturelle und politische Leben verändert.

Viele geistliche Strömungen suchten im Lauf der Jahrhunderte diese Revolution zu verwirklichen. Ein wahrhaft geschwisterliches Leben war z.B. die Vision eines Franz von Assisi und seiner ersten Gefährten. Sein Leben ist ein bewundernswertes Beispiel der Geschwisterlichkeit, die nicht nur alle Menschen, sondern auch den Kosmos mit Schwester Sonne, dem Mond und den Sternen umfasst.

Das Mittel, das Jesus uns anbietet, um diese weltweite Geschwisterlichkeit zu verwirklichen, ist die Liebe; eine neue, große Liebe, die anders ist, als wir sie normalerweise kennen. Denn Jesus hat die Art, wie man im Himmel liebt, auf die Erde gebracht.
Die Liebe, die er bringt, führt uns dazu, alle Menschen zu lieben, nicht nur Verwandte und Freunde: den sympathischen wie den unsympathischen, den Landsmann wie den Fremden, den Europäer wie den Zuwanderer, den Angehörigen der eigenen Kirche oder Religion wie den der anderen.

Diese Liebe verlangt heute von den Ländern Westeuropas, die mittel- und osteuropäischen Staaten zu lieben - und umgekehrt - und von allen, sich den Ländern der anderen Kontinente zuzuwenden.

Aus der Sicht seiner Gründer ist Europa ja eine Familie von Völkern, die einander Geschwister sind; eine Familie, die sich nicht auf sich selbst zurückzieht, sondern offen ist für eine weltumspannende Aufgabe: ein geeintes Europa, um zur Einheit der Menschheitsfamilie beizutragen.

Wenn die Liebe, die Jesus gebracht hat, von Millionen Europäern gelebt würde, wäre sie ein mächtiger Impuls, um auf diesem Weg voranzukommen.


Die Liebe, die Jesus gebracht hat, fordert dazu auf, auch den Feind zu lieben, ihm zu verzeihen, falls er uns etwas angetan haben sollte. Nach den blutigen Kriegen auf unserem Kontinent waren viele Europäer Vorbilder für Feindesliebe und Versöhnung. Wir haben heute morgen einige Beispiele gehört.

Diese Liebe macht keine Unterschiede, sondern gilt allen, denen wir direkt oder indirekt begegnen, ob sie nun physisch neben uns sind, ob wir über sie sprechen oder Tag für Tag für sie arbeiten oder ob wir sie durch Nachrichten in Zeitung oder Fernsehen kennen lernen...
Denn so liebt Gott, der Vater, der all seinen Kindern - guten und bösen, gerechten und ungerechten - Sonne und Regen schickt (vgl. Mt 5,45).

Weiter verlangt diese Liebe, dass wir den ersten Schritt tun. Denn die Liebe, die Jesus auf die Erde gebracht hat, ist uneigennützig. Sie lässt uns nicht darauf warten, vom anderen geliebt zu werden, sondern drängt uns dazu, selbst die Initiative zu ergreifen , so wie Jesus es tat: er hat sein Leben für uns gegeben, als wir noch Sünder waren und nicht liebten.
Bezeichnend für diesen Geist der kühnen und prophetischen Initiative ist in der Geschichte der Europäischen Union die historische Geste Frankreichs, das am 9. Mai 1950 Deutschland in der Schuman-Erklärung den Vorschlag machte, sich in der Kohle- und Stahlproduktion zusammenzuschließen.

Ziel dieser "Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl" (Montanunion), Keim der künftigen Europäischen Union, waren nicht wirtschaftliche Vorteile, sondern das Bemühen, jahrhundertealte Gegensätze zwischen den beiden Ländern zu überwinden und jede Art von Krieg zwischen den Mitgliedsstaaten unmöglich zu machen. Mit solchen mutigen Initiativen begann man, die Europäische Union aufzubauen und auch heute braucht es mehr denn je weitblickende politische Aktionen und Projekte, inspiriert von einer Liebe, die den ersten Schritt tut.

Die Liebe, die Jesus gebracht hat, ist nicht platonisch; sie besteht nicht nur aus Gefühlen oder Worten, sondern ist konkret; sie verlangt, dass wir etwas tun. Und das wird möglich, wenn wir allen alles werden, krank sind mit den Kranken; froh mit denen, die sich freuen; besorgt, ängstlich, hungrig und arm mit denen, die sich in einer solchen Situation befinden. Und wenn wir in uns spüren, was die anderen empfinden, gilt es, entsprechend zu handeln.


Wie viele neue Formen der Armut kennt Europa heute! Denken wir z.B. an die Ausgrenzung Behinderter und Aids-Kranker, an den Handel mit Frauen, die zur Prostitution gezwungen werden, an die Obdachlosen, an alleinstehende Mütter.

Und denken wir an jene, die sich von falschen Idolen wie Genusssucht, Konsumdenken, Machthunger und Materialismus blenden lassen. In jedem dieser Menschen erwartet Jesus unsere konkrete, tätige Liebe. Er betrachtet alles, was wir den anderen an Gutem oder Schlechtem tun, als an sich getan. Als er vom Endgericht sprach, kündigte er an, dass er zu Guten und Bösen sagen wird: "Das hast du mir getan" (vgl. Mt 25,40).

Diese Liebe wirkt sich also aus auf die Ewigkeit, wo wir den Lohn empfangen werden für das Gute, das wir dem Nächsten getan haben.

Wird die Liebe, die wir soeben beschrieben haben, von mehreren gelebt, kommt es zur gegenseitigen Liebe. Und sie betont Jesus am meisten: "Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben" (Joh 13,34). Dieses Gebot bezeichnet er als neu und als das seine.

Zu dieser gegenseitigen Liebe sind nicht nur die Einzelnen aufgerufen, sondern auch Gruppen, Bewegungen, Städte, Regionen, Staaten ... Unsere heutige Zeit verlangt von den Jüngerinnen und Jüngern Jesu ein "soziales" christliches Bewusstsein. Und mehr denn je ist es dringend notwendig, die Heimat des anderen wie die eigene zu lieben: Polen wie Ungarn, Großbritannien wie Spanien, die Tschechische Republik wie die Slowakische ...

Die Liebe, die Jesus gebracht hat, ist unverzichtbar für Europa, wenn es ein "Europa des Geistes" sein und damit das "gemeinsame europäische Haus", eine Völkerfamilie werden soll.
Diese Liebe, die ihre Vollkommenheit in der Gegenseitigkeit erreicht, ist Ausdruck der Kraft des Christentums, denn sie bewirkt, dass Jesus selbst unter uns Menschen gegenwärtig wird.

Hat er nicht gesagt: "Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen" (Mt 18, 20)?


Und ist diese seine Verheißung nicht eine Garantie für die Geschwisterlichkeit? Wenn er - der Bruder schlechthin - bei uns ist, können wir dann anders, als einander wirklich Brüder und Schwestern zu sein?

Und genau diese Liebe möchte der Heilige Geist auf Erden verbreiten, z.B. durch unsere neuen geistlichen Bewegungen und Gemeinschaften, die Gott im letzten wie in den vergangenen Jahrhunderten in den verschiedenen Kirchen entstehen ließ. Sie berechtigen wirklich zur Hoffnung, denn in ihnen wirkt Gott, auch wenn die Menschen, aus denen sie bestehen, häufig nur armselige Werkzeuge sind.

Diese Bewegungen entstanden als Gegengewicht zu Säkularismus und Materialismus, die sich heute mehr denn je auch in der christlichen Gesellschaft breit machen.
Das vom Evangelium geprägte Leben der Mitglieder dieser Gruppierungen bringt reiche Frucht, es weckt und fördert Geschwisterlichkeit: es heilt die Familien und damit die Grundstruktur der Gesellschaft; es führt zur Gütergemeinschaft, wodurch Notleidenden geholfen wird; es bewegt die Menschen dazu, auf jeden Nächsten zuzugehen, so dass viele aus ihrer Isolation herausfinden; es schafft Gemeinschaft unter den Generationen; es formt neue Menschen, die zu lieben verstehen, und weckt in vielen den Wunsch, sich ganz zur Verfügung zu stellen, um der Menschheit noch mehr zu dienen.

Der Heilige Geist helfe uns allen, dort, wo wir stehen, immer größere "Räume der Geschwisterlichkeit" entstehen zu lassen, indem wir jene Liebe leben, die Jesus uns vom Himmel gebracht hat.


1. MARTIN LUTHER KING, Ansprache in Atlanta am Hl. Abend 1967
2. M.K. GANDHI, Antichi come le montagne, Mailand 1970, S. 162
3. Vgl. Kard. R. Etchegaray, Ansprache zum Jubiläum der Franiskanischen Familie in "L'Os-servatore Romano", 12. April 2000, S.8