Andrea Riccardi : "Europa: Geschichte und Geist"

Europa hat eine Geschichte, die ihre Wurzeln in lang vergangenen Zeiten hat. Auch wenn die Welt in der Gegenwart überall gleich ist - globalisiert, wie man sagt - müssen wir auf das vielfältige Erbe schauen, das dieses unser Europa zu einem besonderen Kontinent macht. Wir sehen das in unseren Städten, die zum großen Teil noch menschliche Formen haben, im Unterschied zu den großen Städten im Süden der Welt.

Wir sehen das in den Bauwerken und in unserer Lebensweise, wir sehen es in uns. Das Erbe Europas ist vielfältig, in religiöser, aber auch in historischer Hinsicht. Man kann nicht von einem einzigen Erbe sprechen.

Europa ist eins und ist Plural. Es ist Plural im Westen, der von der katholischprotestantischen Kultur geprägt ist, und zu ihm gehört der Osten mit seiner byzantinischen Kultur. Einige Länder wie Italien, Frankreich, Belgien und Spanien kennen den besonderen Begriff der Laizität, des laizistischen Denkens.

Für andere Länder ist die leidvolle Geschichte während des Kommunismus eine negative Hinterlassenschaft, mit der sie sich auseinandersetzen. Europa ist eins und doch Plural. Doch seine Geschichte, die eines einzigen und Pluralen Kontinents, ist auch die Geschichte einer Welt, in der die Pluralität verrückt spielte und stolz wurde, so weit, bis daraus Krieg wurde.

Ja, denn dieser unser Kontinent war ein Kontinent der Kriege, des Hasses, der von Generation zu Generation weiter gegeben wurde, der Zerstörung, der Gemetzel. Europa wurde im Zwanzigsten Jahrhundert durch zwei unglaubliche Kriege aufgezehrt, die wir Weltkriege nennen. Denn von 1914 bis 1918 und von 1939 bis 1945 bedeutete der Krieg zwischen Europäern Weltkrieg. Krieg in Europa bedeutete Weltkrieg. Der aggressive Wahnsinn des Nationalsozialismus und des Faschismus mit seinem Mythos des Herrenvolkes entfesselte sich. Wir dürfen nicht vergessen, dass mit den Kriegen ein Fluch über Europa einherging: der Fluch, sich zu bekämpfen, weil man vom nationalen Egoismus durchdrungen war.


Das Nachdenken einiger großer Europäer - hier müssen Alcide De Gasperi, Schumann und Adenauer genannt werden, die für eine ganze Generation stehen - angesichts der Ruinen des Krieges, des zerstörten Berlin, der Millionen von Menschenleben, die in den Vernichtungs- und Konzentrationslagern sinnlos geopfert wurden, ließ einen Traum wachsen, der auch eine tiefe geschichtliche und geistige Notwendigkeit bedeutet - den Traum von der Einheit.

Die Pluralität Europas und seiner nationalen Subjekte musste durch die Einheit in sich verbunden werden. Man konnte nicht verschieden bleiben, wenn man nicht eins war. Der Traum von der europäischen Einigung war geboren, der für ein halbes Jahrhundert zuerst der Horizont des europäischen Westens und dann des ganzen Kontinents war. Ein Traum voll Segen nach so viel Fluch des Krieges.

Dieser Traum schien noch in den achtziger Jahren, als Johannes Paul II. von einem "großen Europa" sprach, nicht oder nur zum Teil realisierbar. Im Lauf von zwei Generationen konnten wir epochale Veränderungen beobachten: Vor allem wurde Jahrhunderte langer Hass ausgelöscht, eine enge Zusammenarbeit wurde begründet. Die junge europäische Generation sieht sich nicht mehr im Gegensatz zueinander. Sie sieht ihre Zukunft immer mehr gemeinsam - die einen mit den anderen.

Die Geschichte Europas ist ein Drama, doch sie ist keine Tragödie. Wir dürfen das Drama, das hinter uns liegt, nicht vergessen. Wann von Europa die Rede ist, begebe ich mich zuerst geistig nach Auschwitz, um zu erinnern: an Millionen von Frauen, Männern und Kindern, deren Leben geraubt wurde. Wie viele geraubte Jahre! Millionen von Juden, die trotz des Jahrhunderte alten antisemitischen Hasses auf unserem Kontinent gelebt hatten, wurden grundlos getötet.

Es gibt nie einen Grund, um zu töten - doch das Judentum wurde zerstört, weil es den nationalsozialistischen Wahnsinn an die Existenz einer Bindung und eines Sinnes jenseits des Rassenkultes erinnerte. Mit den Juden wurden Hunderttausende von anderen getötet, Zigeuner - das kleine Nomadenvolk in Europa ohne Nationalismus -, Polen, Slawen, Behinderte und viele andere! Das Nachdenken über Europa muss von Auschwitz ausgehen.

Man darf das Drama nicht vergessen, das die europäische Einigung hervorgebracht hat. Das Opfer vieler Menschen ist eine Warnung für die Europäer, aus dem Land einer Jahrtausende alten Kultur nicht die Heimat für technologisierte Barbarei werden zu lassen. Deshalb war die Geschichte Europas seit den vierziger Jahren keine Tragödie. Der Prozess der europäischen Einigung begann. Doch wir dürfen das Drama nicht vergessen!


Seit fünfzig Jahren bekämpfen sich die Europäer nicht mehr. Es gibt keinen Weltkrieg mehr. Doch ist das nicht zu wenig? Der große Traum an der Schwelle des Jahres 2000 muss heißen: Frieden in Europa bedeutet Weltfrieden. So wie Krieg in Europa Weltkrieg bedeutete, muss heute der Frieden in Europa zum Weltfrieden werden. Und wir sind weit davon entfernt, dass dieser Traum Wirklichkeit wird. Die Europäische Union bedeutete Frieden in Europa. Doch wir hoffen, dass dies morgen auch Frieden in der Welt bedeuten wird.

Es wurden große Fortschritte erzielt und große Opfer gebracht. Osteuropa wird Schritt für Schritt in das europäische Gefüge integriert. Doch etwas fehlt zum Aufbau Europas. Wir spüren und sehen es. Wir bemerken dies daran, dass Europa der Antrieb fehlt. Wir nehmen dies wahr in seinen Beziehungen zu den anderen, mit anderen Welten, die nicht europäisch sind. Sicher ist ein Bau nicht in einem Tag fertig.

Doch wir sind froh, mit vielen Christen aus allen Teilen Europas hier in Stuttgart zu sein, um zu begreifen, was fehlt und vor allem, was wir tun müssen. Das große Risiko besteht darin, dass dieses Europa nur von Interessen und von der Wirtschaft geprägt wird. Und das ist eine Welt, für die es nicht wert ist zu leben und zu sterben. Das sagen uns die müden und heimatlosen Gesichter der jungen Generation, die so weit weg ist von den Dramen des Zwanzigsten Jahrhunderts, und die unsicher ist, ob sie sich von den großen und neuen konstruktiven Leidenschaften mitreißen lassen soll.

Doch das sind, liebe Freunde, nicht die Gesichter, die ich um mich herum und um uns sehe. Ich sehe keine müden und heimatlosen Gesichter, sondern Gesichter von Menschen, die dafür dankbar sind, etwas empfangen zu haben. Es sind Menschen, die auf verschiedenen Wegen eine Gabe empfangen haben - den Wegen der vielen und verschiedenen christlichen Bewegungen Europas. Ja, denn Europa ist auch die Heimat der Bewegungen.

Und die Bewegungen haben Geschmack an Europa gefunden. Diese Bewegungen verlaufen quer, von Portugal bis in die Ukraine, jenseits der Grenzen der Union. Sie umfassen Bürger verschiedener Länder in einer Spiritualität und in einem lebendigen Schwung der Liebe. Und sie verbinden sie in einer wahren Kommunion mit Menschen in der ganzen Welt - von Amerika bis Afrika und Asien. Denn unser Leben als europäische Christen macht uns nicht zu Bewohnern einer großen und bequemen Insel, sondern zu Bürgern der ganzen Welt.


Ich möchte mich fragen, warum diese europäischen Gesichter, die hier versammelt sind, nicht heimatlos und resigniert sind. Sie kommen aus unterschiedlichen Traditionen, den alten christlichen Traditionen unseres Kontinents - sie sind katholisch, orthodox und evangelisch. Die alte christliche Tradition trifft auf junge Ausdrucksformen und einen Sinn für die Zukunft -ja, man findet Geschmack an einer gemeinsamen Zukunft.

In diesen Gesichtern findet sich ein Herz. Das Buch Jesus Sirach sagt: "Das Herz des Menschen verändert sein Gesicht" (13, 25). Das Herz wird geboren, ja neu geboren, wenn es vom Evangelium gerufen wird zu leben. Oft ist unser Europa ohne Herz. Ohne Herz für den großen Süden der Welt - für Afrika, das der Prüfstein für das europäische Gewissen ist, ohne Herz im persönlichen, im gesellschaftlichen und im politischen Leben. Das Herz wird neu geboren, wenn man die Gabe des Wortes Gottes, die Gabe des Evangeliums empfängt. In diesen Gesichtern sieht man Herzen, die durch das Evangelium neu geworden sind.

Das Geheimnis der Jugend des Christentums ist die Gabe des Wortes Gottes. Diese Gabe ist ein Ruf der Gnade in einer Welt von Verurteilten. Es sind reiche Verurteilte, aber doch verurteilt zur Sünde der Reichen, nämlich dem Geiz und der Sattheit. Ein italienischer evangelischer Pastor, mein großer Freund Valdo Vinay, sagte einmal: "Wo die Predigt des Evangeliums ertönt, geschieht etwas wunderbares: In einem Todestrakt dringt eine Nachricht zu den zum Tod Verurteilten: Gnade für alle!" Das ist die Gabe des Wortes, die wir alle empfangen haben. Die Bewegungen, die hier versammelt sind, ob klein oder groß, alt oder jung, fühlen sich nicht besser.

Das Evangelium macht uns bewusst, dass wir alle - und man muss sich selbst kennen - klein und Sünder sind. Wir sind nicht in der Schule irgendeiner Arroganz aufgewachsen, weder im politischen noch im religiösen Sinn, sondern in der Schule dessen, der von sich als dem spricht, der gütig und von Herzen demütig ist. Und doch spüren wir, dass wir eine Gabe überbringen, eine Gabe, die es mit Dankbarkeit zu leben und weiterzugeben gilt. Wir stehen nicht für bestimmte Interessen, sondern wir sagen mit Petrus und Johannes in Jerusalem beim Tempel vor der Schönen Pforte: "Silber und Gold besitze ich nicht. Doch was ich habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi, des Nazaräers, geh umher!" (Apg 3,6)

Wem sagten sie das? Dem Ärmsten, der nicht gehen konnte, einem, der von Geburt an gelähmt und ein Bettler war. Doch wer sind wir, um so etwas sagen zu können? Wer sind wir, um etwas sagen zu können zu einem so komplexen Europa, das von so vielen Problemen bedrängt wird, das sich in komplizierten Prozeduren verliert? Oft herrscht unter den europäischen Christen Angst:

Wer bin ich, um den anderen etwas zu sagen? Wir sind Menschen, die eine Gabe gelebt haben. Und wir haben uns entschieden, diese Gabe in Einfachheit zu empfangen. In diesem komplexen Europa haben wir eine Gabe empfangen, und wir teilen sie aus: "Was ich habe, das gebe ich dir!" Es ist die Gabe der Einfachheit des Evangeliums, eine einfache Gabe, die uns hilft, durch das komplexe Europa unserer Tage zu gehen. Es ist eine Gabe, die bewirkt, dass der europäische Mensch gehen kann - der Bettler wie der Reiche.


Im Herzen des Evangeliums steht ein Geheimnis für das Leben einer jeden Frau und eines jeden Mannes geschrieben. Der Apostel Paulus schreibt, als er die Auferstehung Jesu verkündigt: "Er ist aber für alle gestorben, damit die Lebenden nicht mehr für sich leben, sondern für den, der für sie starb und auferweckt wurde." (2 Kor 5,15).

Das Evangelium ruft jeden, sich von einem Leben nur für sich selbst zu bekehren, hin zu einem Leben, das für ihn gelebt wird, der für alle gestorben und auferstanden ist: "damit die Lebenden nicht mehr für sich leben, sondern für den, der für sie starb und auferweckt wurde." Für Christus zu leben bedeutet, für alle zu leben. Das Europa des Geistes beginnt, wenn ein Mensch sein Herz für das Wort Gottes öffnet, ja wenn er sein Herz wieder findet und anfängt, nicht mehr für sich selbst zu leben.

Die Bewegungen, die aus Frauen und Männern bestehen, die die Gabe des Evangeliums empfangen haben, verkünden Europa dieses Leben. Die Folgen für sie selbst und die Existenz aller sind viele: Es sind die Früchte des Geistes.

Doch ich möchte, liebe Freunde, zwei Aspekte unterstreichen, die aus dieser Öffnung für die Gabe des Evangeliums hervorgehen. Zuerst meine ich, dass dieses Europa nicht für sich selbst leben kann.

Es ist keine große bequeme Insel. Das sagen uns die Einwanderer, die nach langen Reisen der Hoffnung an den südlichen Küsten unseres Kontinents landen - zumindest sagen uns das die, die ankommen und nicht im Meer ihr Grab gefunden haben oder ihr Leben in der afrikanischen Wüste lassen mussten. Der große Süden der Welt, Afrika, sitzt wie der arme Lazarus vor der Tür des reichen Europäers, der herrlich und in Freuden lebt. Europa muss von seinem Tisch aufstehen und Lazarus, seinen Bruder, umarmen, damit er nicht mehr voller Wunden und unter den Hunden bleiben muss. Europa muss die Schwelle seines Hauses überschreiten, seine südlichen Grenzen, mit Liebe und mit Verantwortungsgefühl.

Für uns Christen kann Europa nicht für sich selbst leben. Und Afrika, der Kontinent der Kriege - mit derzeit 12 Konflikten -, der Kontinent mit 30 Millionen HIV-positiven Menschen (von 42 Millionen weltweit), ist der erste, dem es auf seinem Weg durch die Welt begegnet - dem Weg zu den zwei Dritteln der Menschheit, die von jedem Wohlstand ausgeschlossen sind. Dieses Afrika hat ein gemeinsames Schicksal mit uns - wir werden miteinander leben oder miteinander untergehen.

Unsere Herzen, die sich für die Gabe des Evangeliums geöffnet haben, wollen - und das ist der zweite Aspekt - dass das vereinte Europa ein Europa des Geistes ist, das zur Welt vom Frieden spricht. Das Europa des Geistes hat keine Grenzen und ist mit allen verbunden, doch vor allem mit denen, die unter dem Krieg leiden, der der Vater aller Armut ist. Möge die Botschaft Europas für die Welt der Frieden sein - ein tätiger Frieden, der mit denen aufgebaut wird, die sich hassen und bekämpfen, ein Frieden für die 33 Konfliktregionen in der Welt, deren Opfer zu 90% Zivilisten sind.

Das Europa des Geistes muss im Leben der Welt Früchte des Geistes hervorbringen. Der Apostel sagt: "Die Frucht des Geistes aber ist Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung..." (Gal 5,22). Deshalb wollen wir an der Schwelle des neuen Jahrhunderts die Gabe des Evangeliums leben, die die Herzen für den Geist öffnet und Früchte des Friedens, der Liebe und der Solidarität hervorbringt.

Wir glauben, dass aus der Einheit der verschiedenen Bewegungen, in der Unterschiedlichkeit, doch auch in der tiefen Kommunion der Gefühle und des Glaubens, eine Kraft des Guten und ein Wall gegen das Böse hervorgehen kann. Aus dem gemeinsamen Gebet kann eine Kraft der Liebe erwachsen. Im Buch Ester wird berichtet, dass angesichts eines finsteren Horizonts das ganze Volk der Gerechten aufgeregt war.

Doch Mordechai träumte: "Auf ihr Rufen hin wurde aus einer kleinen Quelle ein großer Strom mit viel Wasser. Licht und Sonne schienen wieder; die Niedrigen wurden erhöht ... (Est 1,1i - 1h).