16.11.2018

Gott spricht auch in offenen Fragen - Herausforderung in turbulenten Zeiten

Trägerkreistreffen „Miteinander für Europa“ vom 15. bis 17. November 2018 in Prag/Tschechien


Schwester M. Lioba Rupprecht, Schönstätter Marienschwestern, moderierte einen Teil des Vormittages (Foto: Brehm)

Schwester M. Lioba Rupprecht, Schönstätter Marienschwestern, moderierte einen Teil des Vormittages (Foto: Brehm)

Jaroslav Sebek, Historiker und Mitglied des Instituts für Geschichte der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik (Foto: Brehm)

Jaroslav Sebek, Historiker und Mitglied des Instituts für Geschichte der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik (Foto: Brehm)

Pavel Fischer, Senator im Tschechischen Parlament (Foto: Brehm)

Pavel Fischer, Senator im Tschechischen Parlament (Foto: Brehm)

Tomas Halik, tschechischer Soziologe, Religionsphilosoph und römisch-katholischer Priester (rechts) im Gespräch mit Pater Heinrich Walter, Schönstatt-Bewegung, der einen Teil des Nachmittages moderierte (Foto: Brehm)

Tomas Halik, tschechischer Soziologe, Religionsphilosoph und römisch-katholischer Priester (rechts) im Gespräch mit Pater Heinrich Walter, Schönstatt-Bewegung, der einen Teil des Nachmittages moderierte (Foto: Brehm)

Gebetszeit (Foto: Brehm)

Gebetszeit (Foto: Brehm)

Kulturelles Abendprogramm mit Weinprobe aus Mähren (Foto: Brehm)

Kulturelles Abendprogramm mit Weinprobe aus Mähren (Foto: Brehm)

 

 

Beatriz Lauenroth. 170 Teilnehmer aus 21 europäischen Ländern und  53  Bewegungen und Gemeinschaften trafen sich im Herzen Europas, in Prag. Eine überraschend große Anzahl Jugendlicher prägte die Atmosphäre des Kongresses. „In Zeiten von Pluralisierung und „religiöser Abkühlung“ wollen wir einen Kontrapunkt setzen“ erklärte eine der jungen Frauen. „Wir haben die dazu nötige Begeisterung und fühlen die Verantwortung, unseren Teil zum Aufbau eines geeinten Europas  auch in Politik und Gesellschaft zu geben.“ Zusammen mit den Erwachsenen, die sie auf dem Weg begleitet haben, die Zukunft zu übernehmen, wollen sie die Herausforderung annehmen.

Das Programm

Die Vorträge und viele Möglichkeiten zum persönlichen Austausch ermöglichten den Teilnehmern einen genaueren Blick auf die Situation des Glaubens und der Kirchen in Tschechien.

Jaroslav Šebek, Historiker und Mitglied des Instituts für Geschichte der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik, sprach  zum Thema „Die Kirchen in der Tschechischen Republik und die Herausforderungen der heutigen turbulenten Zeit“. Die Flüchtlingskrise sei für die Zukunft der europäischen Integration ein grundsätzlicher Prüfstein geworden, an dem unterschiedliche Konzepte aufeinanderprallen „und wieder steht hier symbolisch Ost gegen West“, so  Šebek. Ein Problem der heutigen Zeit sei die von den sozialen Medien mitbewirkte „Kommunikationsverkapselung“. „Während in der Zeit des Kommunismus bei uns eine Informationswüste herrschte, bewegen wir uns heute in einem Informationsdschungel.“ Das Ergebnis, so Šebek, sei dasselbe: „Orientierungsverlust und eine größere Anfälligkeit für Manipulation sowie Misstrauen gegenüber allem und jedem.“

Pavel Fischer, Senator, beschrieb ebenfalls die aktuelle Situation Tschechiens und stellte aus gesellschaftspolitischer Sicht die Herausforderungen dar. Er betonte die Wichtigkeit der emotionalen Identifikation mit einer persönlichen gesellschaftlichen Erfahrung. Sie entstehe in einem konkreten Sprach- und Erfahrungsraum. Die Einheit Europas gehe nur über das Ernstnehmen aller lokalen Identifikationsvorgänge und der einzelnen Menschen, mit denen man gemeinsam unterwegs sei. Die Vision eines geeinten Europas könne nur entstehen, wenn die Politik Subsidiarität beachte und die Vielfalt der europäischen Völker, Sprachen und Kulturen respektiere und fördere. „Verantwortung ist die Antwort“, formulierte es Fischer.

Tomáš Halík (Templeton-Preis 2014), Soziologe, Religionsphilosoph und römisch-katholischer Priester  machte in seinem Beitrag deutlich, dass der Versuch der Kirchen, den gestern gelebten Glauben für das Heute und die Zukunft anzubieten, gescheitert ist. Die Religion habe weitgehend keinen Einfluss mehr auf die Entscheidungen der jungen Generation. Diese lebe im neuen Kosmos des Internets. „Die neue Generation ist nicht bereit, die Religion ohne Hinterfragen zu empfangen.“ Heute sei die Kirche herausgefordert, sich vor allem auf die Suchenden einzustellen. Nachdrücklich betonte Halík: „Die Zukunft der Kirche hängt von ihrer Bereitschaft ab, mit den Suchenden zu kommunizieren, die Suchenden zu begleiten.“ Der Glaube dürfe keine Ideologie der präzisen Antworten sein, denn, so Halík, „Gott spricht auch in offenen Fragen“.

Wie geht es weiter?

Prag 2018 hat das ausgeprägte  Freiheitsbewusstsein des tschechischen Volkes und die Bereitschaft, sich dafür einzusetzen, entdecken lassen. „Wir können soviel voneinander lernen und uns beschenken lassen“, meinte ein junger Mann aus Ravensburg. Der Kongress mache noch einmal bewusst, wie wichtig es ist, das bereits bestehende Netzwerk des „Miteinander für Europa“ in Ost und West zu erweitern und zu intensivieren. „Prag 2018 ist für drei Tage zur „internationalen Hauptstadt im Herzen Europas geworden“, sagte einer der Teilnehmer und „Das „Miteinander“ ist hier für mich und für viele erneut zu einer Herzensangelegenheit geworden.“

Am  9. Mai 2019 soll der Europatag als Tag des „Miteinanders für Europa“ begangen werden. Als Vorbereitung darauf wird die Initiative mit einer europaweiten Gebetskette unterstützt.  Start ist der 25.3.2019, Tag des erwarteten Austrittes des Vereinigten Königreichs aus der EU. „Vom Brexit zum Europatag: das steht symbolisch auch für unseren gemeinsamen Weg“, ist der abschließende Eindruck eines Teilnehmers.

Das nächste Trägerkreistreffen wird vom 7.-9.11.2019 in Ottmaring/Augsburg stattfinden, dort, wo die Geschichte des Miteinanders vor 20 Jahren begann. Es wird Rückblick auf eine Geschichte der Menschen mit Gott und Ausblick auf eine vielversprechende Zukunft sein.