04.08.2016

Zeugnis unter freiem Himmel

Impressionen von der Kundgebung am 2. Juli auf dem Stachus in München


Die Bewegungen  müssen das Erbe weitergeben. Ihr fragt mich: „Wo?“

Auf der Straße, auf der Straße.

Dort, wo  sich das Leben unserer Stadt entscheidet. Dort, wo die ewige Erlösung der Männer und Frauen entschieden wird. Dort, wo die Werte auf dem Spiel stehen. Dort wo viele Kinder von klein auf anfangen können, falsche Wege zu gehen, die sie für den Rest ihres Lebens unglücklich machen.

Die Straße ist der theologische Ort der Bewegungen.

Dort müssen sie sich opfern, das geschenkte Geschenk schenken, das Erbe weitergeben, das sie unentgeltlich erhalten haben.

Was die Mitglieder der geistlichen Bewegungen von Buenos Aires im Jahr 1999 gedacht haben, als der neue Kardinal Jorge Mario ?ergoglio sie mit diesen Worten aufscheuchte, ist nicht überliefert. Was die Verantwortlichen von Miteinander für Europa an diesem Samstag, dem 2. Juli, wenige Stunden vor Beginn der Kundgebung gedacht haben, lässt sich nur ahnen. Dicke dunkle Wolken am Himmel, Gewitter und Platzregen angesagt und abends Länderspiel. Großkundgebung von Miteinander für Europa unter freiem Himmel, auf der Straße, mitten in der Stadt. Genau dort gehört das hin. Mutig entschieden.

Und sie kommen. Aus allen Richtungen... Eine halbe Stunde nach Beginn sind alle weißen Papphocker belegt, drängeln sich die Menschen unter den Vordächern der umliegenden Geschäfte, müssen Polizei und Sicherheitsleute immer wieder den Eingang von McDonald und die Zugänge zu den umliegenden Straßen freimachen, und es kommen immer noch mehr und es geht auch keiner weg, als es tatsächlich zu regnen beginnt. Sie singen, klatschen, beten, hören zu... Gute 5000 Menschen nach Angaben der Polizei.

Die Vorübergehenden

"Ist das hier Public Viewing, das Spiel ist doch erst heute abend?", fragt jemand aus einer Gruppe Fußballfans in viel Schwarz-Rot-Gold. "Ja!!! Public Viewing ist das, und was für eins!", antwortet eine fröhliche Achtzehnjährige. "View mal richtig, da siehst du Europa und wenn du ganz gut guckst, sogar Gott!" Die Fußballfans sind so verdattert, dass sie tatsächlich gucken und das Zeugnis von Gerard Testard über seine italienischen und deutschen Freunde und die Berufung Europas, Voraussetzungen für Frieden und Freiheit der zukünftigen Generationen zu schaffen, für ein paar Minuten anhören und dann mit großen Fragezeichen im Gesicht weiterziehen.

Wie geht es den Vorübergehenden, den eiligen Shoppern, den Fußballfans auf der Suche nach den besten Orten zum miteinander Fußballgucken, den genüsslichen Eisessern, Bummlern, den hotelsuchenden Touristen mit ihren Trolleys, den Trachtengruppen und einfach all denen, die an diesem Samstagnachmittag am Karlsplatz in München vorbeieilen oder schlendern?

Manche gehen einfach weiter, unberührt. Ein paar junge Leute in Dirndl und Lederhosen schauen erstaunt auf die Bühne, wo die Moderatoren so locker leicht von Gott und der Welt reden und gehen dann weiter. Ein Tourist aus Argentinien im Trikot der Selección murmelt: "No sabía que Francisco era hoy en Munich". Ich wusste gar nicht, dass Franziskus heute in München ist. Ist er auch nicht, es ist nur die Videobotschaft der Großbildleinwand.

Immer wieder mal bleibt jemand stehen, ein paar Sekunden, ein paar Minuten. Ein paar gehen gar nicht mehr weiter und sind auf einmal mittendrin. Einer macht ein Selfie von sich mit dem Chor der Kinder aus Deutschland und Österreich auf der Bühne. "Krass", meint er. Manche kommen ins Gespräch. Und alle irgendwie in den Segen, die Gebete, die Worte der Ermutigung...

Dieses unglaubliche Wohlwollen

Es ist Lobpreis, und es gießt in Strömen. Da hält jemand einfach lächelnd den Schirm seines Nachbarn, damit dieser zum Gebet die Hände erheben kann.

"Was mir einfach so gut gefallen hat, ist dieses unglaubliche Wohlwollen. Auch wenn jemand einem mit seinem riesigen Schirm die Sicht versperrt, wird der so freundlich gebeten, den Schirm ein wenig zur Seite zu tun.... Da herrscht doch sonst ein ganz anderer Ton", erklärt Sigrid Schild, die mit ihrem Mann nur zur Kundgebung gekommen ist, gute 600 km Anfahrt. Sie hatte sich auf einem Kissen auf den Boden gesetzt, und mehrere Leute fragten sie, ob sie ihr ihre Jacke oder ihren Pullover geben dürften, damit sie nicht auf den Steinen sitzen müsse...

Zeugnis

Dieser Nachmittag lebt vom Zeugnis – angefangen von dem von Landesbischof Bedford-Strohm ("Die Einheit steht vor mir!") über das der Jugendlichen, die von Misiones, Stay&Pray, Holy Spirit Night und Fackellauf sprechen bis hin Marco Impagliazzos starkem Satz: "Jeder Europäer kann eine Brücke sein! Und wir wollen Brücken und nicht Mauern sein!"

"Ich muss mitwirken an der Veränderung, die ich in Europa sehen möchte", sagt die Moderatorin. Ein Satz, der hängenbleibt und mitgeht.

Es ist sicher Verdienst der guten Medienarbeit von Miteinander für Europa, dass die Kundgebung Thema in der Süddeutschen Zeitung, in Zenit, Radio Vatikan, Osservatore Romano, Rundschau, Bayrischem Rundfunk und sogar in der Tagesschau (ARD, Erstes Deutsches Fernsehen) wird. Doch es hat wohl auch mit den authentischen Zeugnissen und dem fröhlich-unkomplizierten Miteinander von Gebet, Show, Musik, Segen und Zeugnis zu tun, dass die Berichte so vieler anwesender Journalisten so ausgesprochen lebendig und ja, einfach gut sind ...