02.07.2016

Bewegungen müssen kulturelle Gestaltungskräfte in Europa werden


 

"Europa im Augenblick" war der Titel des zweiten Tages des ökumenischen Kongresses des europäischen Netzwerkes von "Miteinander für Europa" in München.

Michael Hochschild, Forschungsdirektor und Professor für postmodernes Denken am TimeLab in Paris, unterstrich die gesellschaftspolitische Bedeutung der Bewegungen und geistlichen Gemeinschaften in Europa. Sie seien die Antwort auf die Frage, ob die Hoffnung eine Zukunft habe, denn sie zeigten schon heute, wie es morgen anders gehen könnte. „Wir stecken in einer tiefen Systemkrise der modernen Gesellschaft. Das Betriebssystem der Gesellschaft funktioniert nicht mehr. Sie als Bewegungen schaffen das nötige Vertrauen in die Zukunft. Dafür müssen Sie sich aber noch stärker als kulturelle Gestaltungskräfte verstehen und zeigen. Sie müssen 'soziale Bewegungen' werden.

In einer Zeit der Ratlosigkeit und der Visionsarmut böten Gemeinschaften, wie sie im „Miteinander für Europa“ engagiert seien, alternative Lebensmodelle.

Auch zum Thema der Versöhnung sieht Hochschild die geistlichen Bewegungen als wichtige Kraft an der Basis der Kirchen: „Das Miteinander der geistlichen Bewegungen und ihrer Kirchen ist dabei entscheidend: Nur eine versöhnte Kirche kann einen glaubwürdigen Beitrag zur Versöhnung leisten. Wo sie sich zu ihrer kulturellen Gestaltungskraft bekennen, machen Sie deutlich, dass es zur aktuellen Krise eine Alternative, ja ein Morgen gibt..“

Herbert Lauenroth, Kulturwissenschaftler am Ökumenischen Lebenszentrum in Ottmaring (Augsburg), deutete die aktuelle Situation in Europa als Reaktion der Angst und Unsicherheit auf ein Gefühl existentieller Enge. Doch gleichzeitig liege genau darin eine Herausforderung: „Angst vor der Zukunft kann genau das sein, was uns zwingt, alles dafür zu tun, dass die Zukunft besser wird.“ Die Angst könne zur Lernerfahrung werden: „Es geht darum, das Unbekannte, Fremde und Randständige zu bevorzugen als Lernort des Glaubens.“ Durch die Auseinandersetzung mit den Abgründen, denen die Gesellschaft gerade aktuell begegne, sei eine neue Orientierung auf die Quellen des Glaubens möglich. Es brauche eine „Schubumkehr“ im Sinne einer neuen Ausrichtung auf die Inhalte des Glaubens, Gott bewirke Ent-Ängstigung und das sei die Basis für eine neue, notwendige Kultur des Vertrauens in Europa.